Ein besseres Leben für zukünftige Generationen? Ein Interview mit Dr. Simone Sandholz am Welttag der Städte

Der diesjährige Welttag der Städte, der am 31. Oktober gefeiert wird, steht unter dem Motto „Innovationen und ein besseres Leben für künftige Generationen“. Wir haben mit der Expertin des Institus für Umwelt und Menschliche Sicherheit der Universität der Vereinten Nationen (UNU-EHS) Dr. Simone Sandholz über das Leben in Städten gesprochen und darüber, wie Städte auf den Klimawandel vorbereitet werden und gleichzeitig eine hohe Lebensqualität für ihre Bürger gewährleisten.

Dr. Sandholz, wie steht es um unsere Städte?  

Heute lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in städtischen Gebieten, und diese Zahl steigt weiterhin. Der Klimawandel ist in der Zwischenzeit Realität, ebenso wie die zunehmenden Auswirkungen von Klima- und Wetterextremen auf städtische Gebiete, beispielsweise Überschwemmungen oder Hitzewellen. Infolgedessen müssen sich die Städte an diese Herausforderungen anpassen und gleichzeitig ihren eigenen Fußabdruck, soll heißen ihren Ressourcenverbrauch, einschränken, und das Leben der Anwohner berücksichtigen.

Wie kann man das machen?

Ich glaube, es gibt momentan riesige Chancen, da sich Menschen zunehmend der Klimarisiken bewusst sind. In einem kürzlich abgeschlossenen Forschungsprojekt über die Anpassung deutscher Städte an Hitzebelastungen stellten wir beispielsweise fest, dass Stadtbewohner durchaus bereit sind, selbst Maßnahmen zu ergreifen, um sich selber und ihre Häuser besser auf extreme Temperaturen vorbereiten zu können. Die Frage ist jedoch, wie sie bei der Auswahl der nachhaltigsten Maßnahmen unterstützt werden können - zum Beispiel bei der Begrünung von Dächern oder Wänden anstelle der Installation energieintensiver Klimaanlagen - und wie dies mit allgemeinen Stadtentwicklungsstrategien verbunden werden kann. Diese Verbindung ist von entscheidender Bedeutung und erfordert die Einbeziehung aller städtischen Akteure, von zivilgesellschaftlichen Gruppen über Unternehmen und andere Wirtschaftsakteure bis hin zur Stadtverwaltung.

Welche Herausforderungen sehen Sie?

Klima- und Katastrophenrisiken sind bereits kritische Faktoren in städtischen Gebieten und werden eine noch größere Herausforderung darstellen. Dies betrifft insbesondere die Armen in der Stadt, die sich häufig an besonders gefährdeten Orten wie Überschwemmungsgebieten niederlassen. Die gegenwärtigen oder zukünftigen Auswirkungen des Klimawandels beeinflussen zunehmend Entscheidungen, zum Beispiel, wenn reiche Menschen von Küsten, die für den Anstieg des Meeresspiegels anfällig sind, in höher gelegene Gebiete abwandern. Im schlimmsten Fall könnte dieses zu einer so genannten Klimasegregation führen: Menschen, die es sich leisten können, ziehen an sicherere Orte, und der Rest muss in Gegenden leben, die dem Klimawandel besonders ausgesetzt sind.  Dieser Trend würde bereits bestehende soziale Ungleichheiten verschärfen und die dringende Notwendigkeit hervorheben, verschiedene Ansätze in den Bereichen Klimaschutz, Reduzierung des Katastrophenrisikos und soziale Gerechtigkeit miteinander zu verbinden.

Was kann getan werden, um dieses Szenario zu verhindern?

Wir müssen den Ansatz, niemanden zurückzulassen, in allen Facetten des städtischen Lebens ernst nehmen. Dieser Ansatz muss bestimmen, wie Städte geplant und verwaltet werden. Eine solche Regierungsführung würde nicht nur Bürgermeister und andere Entscheidungsträger in der Stadt, sondern auch Organisationen der Zivilgesellschaft und den Wirtschaftssektor einbeziehen. Außerdem muss er auch in der Bildung verwirklicht werden. Als ich Städteplanung studierte, haben wir nicht viel mit anderen Lehrfächern, wie Umweltforschung oder Sozialwissenschaften, zu tun gehabt, und wir wurden auch nicht „realen Fallbeispielen“ ausgesetzt. Das muss sich grundlegend ändern.

In diesem Jahr geht es beim Welttag der Städte um Innovationen und ein besseres Leben für zukünftige Generationen. An welchen Innovationen können sich Städte orientieren?

Für mich wäre eine solche Innovation eine Mischung aus bestehenden „Best Practices“ und neuen Technologien. Digitale Werkzeuge können den Informationsaustausch, die Transparenz und die Einbeziehung der Anwohner in Entscheidungsprozesse unterstützen. Beispielsweise ist der Datenaustausch zwischen Stadtplanungs-, Umwelt- und Sozialsektoren immer noch weitaus seltener als man denkt, dies würde jedoch die Mehrfacherfassung von Daten vermeiden und eine umfassendere und langfristig nachhaltigere Entscheidungsfindung unterstützen. Andererseits bin ich davon überzeugt, dass wir neue Technologien mit eher traditionellen und lokal angepassten Bautechniken oder Stadtgrundrissen verbinden müssen. Natürliche Baustoffe und Grundrisse, die Belüftung und thermischen Komfort berücksichtigen, sind energiesparend und daher sehr aktuell. Traditionelle Häuser und Viertel sind so konzipiert, dass sie extremen Wetterereignissen standhalten und als Vorbild für die Stadtentwicklung dienen können. Die Nutzung oder Weiterentwicklung lokaler Baumuster trägt dazu bei, das einzigartige Ortsgefühl zu bewahren und lebenswerte Städte für uns und zukünftige Generationen zu schaffen.

Was erhoffen Sie sich am Welttag der Städte für die Zukunft?

Städte sind bereits heute wichtige Treiber globaler Klimadebatten. Globale Netzwerke von Städten und Bürgermeistern sind zu Spitzenreitern geworden, die andere dazu auffordern, ihrem Beispiel zu folgen, und das in Zeiten teilweise schwindenden Engagements auf nationaler Ebene. Ich hoffe, dass es uns gelingt, Städte lebenswerter zu machen, indem wir sie an die ändernden Klimabedingungen und extreme Wetterereignisse anpassen, anstatt dieses als widersprüchliche Ziele zu betrachten. 

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