WHO Covid-19

Jedes Land muss die mutigsten Maßnahmen ergreifen, um COVID-19 zu stoppen

Erklärung von Dr. Hans Henri P. Kluge, WHO-Regionaldirektor für Europa, an die Presse

Meine Damen und Herren, wir halten dieses Pressebriefing in dem leeren Gebäude der UN City ab, während die Bediensteten aufgrund des COVID-19-Ausbruchs als Maßnahme der sozialen Distanzierung von zuhause aus arbeiten.

Millionen Menschen in der Europäischen Region der WHO erleben derzeit radikale Veränderungen in ihrem Alltag. Es ist ganz einfach eine neue Realität. Die Bedeutung der öffentlichen Gesundheitsdienste wird verstanden. Der Wert von qualifiziertem Gesundheitspersonal wird geschätzt wie nie zuvor.

Mit heutigem Stand sind weltweit 152 Länder von diesem neuen Virus betroffen, und über 7000 sind daran gestorben. Auf die Europäische Region entfällt ein Drittel der weltweit gemeldeten Fälle.

Unsere Region ist zum Epizentrum der ersten COVID-19-Pandemie geworden, und jedes einzelne Land muss die mutigsten Maßnahmen ergreifen, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen oder zu verlangsamen. Diese mutigen Maßnahmen müssen auch ein Handeln auf kommunaler Ebene einschließen. Die Einstellung „Das betrifft mich nicht“ ist keine Option.

Die gute Nachricht lautet, dass die Europäische Region wach und auf dem Posten ist. In allen Mitgliedstaaten wurden auf verschiedenen Ebenen Bereitschaftsplanung und Handlungsbereitschaft sichergestellt und entsprechende Gegenmaßnahmen eingeleitet. Wir beobachten diese Maßnahmen ständig und beraten regelmäßig mit den Anlaufstellen in den Gesundheitsministerien, um nützliche Informationen zu sammeln und auszutauschen.

Eine der Fragen, die ich von den Mitgliedstaaten dieser Tage am häufigsten gestellt bekomme, lautet: „Tun die Regierungen genug, um der Epidemie Einhalt zu gebieten?“ Die zweithäufigste Frage ist: „Tun die Regierungen zu viel? Lässt sich das rechtfertigen?“ Um diese Fragen zu beantworten, möchte ich einige Fakten zum Umfang der in der Europäischen Region ergriffenen Gegenmaßnahmen erläutern.

Erstens setzen wir bei dem Ausbruch an den sog. „Vier-C-Szenarien“ an:

  1. no case (kein Fall)
  2. first case (erster Fall)
  3. first cluster (erste Fallhäufung)
  4. first evidence of community transmission (erste Anzeichen für lokale Übertragung).

Dieser Ausbruch breitet sich in den einzelnen Ländern mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten aus, die von demografischen und anderen Einflussfaktoren bestimmt werden. Manche unserer Mitgliedstaaten befinden sich im Augenblick in Szenario 2 und 3, viele bereits in 3 und 4. Die erforderlichen Mindestmaßnahmen sind für jedes Szenario die gleichen, doch der Schwerpunkt ändert sich, je nach dem, in welchem Szenario das betreffende Land sich gerade befindet.

Jedes einzelne Land muss die eigene Situation und die eigenen Rahmenbedingungen bewerten, also die Ausbreitung des Virus, die ergriffenen Maßnahmen und deren Akzeptanz in der Gesellschaft, und dann die jeweils geeignetsten Interventionen in die Wege leiten.

Dabei sollten wir alle auf dieselben Ziele hinarbeiten:

  1. Bereitschaftsplanung und Herstellung von Handlungsbereitschaft;
  2. Fallerkennung, Schutzmaßnahmen und Behandlung;
  3. Verringerung der Übertragung; und
  4. Innovation und Lernen und Schutz für gefährdete Menschen.

Es geht hier nicht um ein Entweder-oder. Vielmehr kommt es auf umfassende Maßnahmen an, die die besten Ergebnisse ermöglichen.

Bei jedem Schritt sollte die Öffentlichkeit informiert und die Menschen dabei angeleitet werden, wie sie sich und andere schützen, ihre Gemeinschaften unterstützen und unter ungewöhnlichen Umständen eine gewisse Normalität aufrechterhalten können. Die Gesundheitseinrichtungen müssen über die notwendige Ausstattung verfügen, um schwere Krankheitsverläufe zu versorgen und das eigene Personal vor Ansteckung zu schützen.

In der Europäischen Region sind wir insofern in einer günstigen Lage, als viele Länder inzwischen über nationale Reaktionspläne verfügen, die effiziente ressortübergreifende Maßnahmen und ein Laborsystem mit starken Testkapazitäten umfassen. Die Erfahrungen aus China und anderen Ländern verdeutlichen, dass Testen und die Rückverfolgung von Kontakten in Verbindung mit sozialer Distanzierung und der Mobilisierung der Bevölkerung bei zügiger und effektiver Einleitung zur Verhinderung von Infektionen und zum Retten von Menschenleben beitragen können.

Das WHO-Regionalbüro für Europa stellt Sachverstand und fachliche Orientierungshilfe zur Verfügung, stellt Informationen und Innovationen zusammen und teilt sie mit allen 53 Mitgliedstaaten und steht mit diesen rund um die Uhr in Kontakt.

  • Bisher haben wir im Rahmen von rund 40 Missionen auf Wunsch Expertenteams für Bereitschaftsplanung in Krankenhäusern, Koordinationsaufgaben, Planung im Gesundheitswesen, Labordienste, Bereitschaftsplanung und Handlungsbereitschaft sowie schnelle Gegenmaßnahmen in Länder in allen Teilen der Europäischen Region entsandt.
  • In Italien sind wir mit einem leistungsfähigen Team präsent, sowohl in Rom als auch in unserem Fachzentrum in Venedig.
  • Zusammen mit unseren Partnern im Globalen Netzwerk zur Warnung und Reaktion bei Krankheitsausbrüchen sowie einer Reihe von medizinischen Notfallteams arbeiten wir darauf hin, angesichts einer wachsenden Nachfrage nach Unterstützung vor Ort die Kapazitäten zu erhöhen.
  • Die WHO behält das potenzielle Risiko einer Beeinträchtigung der Arzneimittelversorgung im Auge – mit Schwerpunkt auf unentbehrlichen Arzneimitteln für die primäre Gesundheitsversorgung und die Versorgung von Notfällen, vor allem Antibiotika, Schmerzmittel und Medikamente zur Behandlung von Diabetes, Bluthochdruck, HIV und Tuberkulose.
  • Die WHO liefert den Ländern nach Bedarf Laborausrüstung, medizinische Geräte und persönliche Schutzausrüstungen. Wir sind uns im Klaren darüber, dass es noch einige wesentliche Defizite gibt, und bemühen uns zusammen mit Partnern wie der Europäischen Kommission, dem WHO-Hauptbüro und Privatunternehmen, diese zu beheben.
  • Wir intensivieren unsere Zusammenarbeit mit den Herstellern und erhöhen die Testkapazitäten der Labore.

Ich möchte hervorheben, dass der Bedarf an Unterstützung durch uns und die Nachfrage danach steigen. Die Ausstattung mit Ressourcen ist eine entscheidende Voraussetzung für die Aufrechterhaltung unserer Anstrengungen, damit niemand zurückgelassen wird oder im Abseits stehen bleibt. Jeder Einzelne in der Gesellschaft muss hierzu beitragen: indem er sich nicht anstecken lässt oder im Falle einer Infektion andere schützt, vor allem ältere Menschen und Personen mit Vorerkrankungen.

Wir leben in einer Zeit, wie wir sie noch nicht erlebt haben. Nun kommt es darauf an, dass die Länder an einem Strang ziehen, voneinander lernen und ihre Anstrengungen vereinheitlichen. Es ist möglich, das Virus zu besiegen: durch Solidarität innerhalb der Bevölkerung, innerhalb von Ländern und in unserer Region, in Verbindung mit der psychologischen Widerstandsfähigkeit der einzelnen Bürger. Ich danke Ihnen.

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